Schwimmbecken im Wiener Kongreßbad

Ein Besuch im Kongreßbad: Die Badeperle des Roten Wien

Mit einem Sprung ins Kongreßbad taucht man in die Wiener Stadtgeschichte ein. Denn das historische Bad, 1928 eröffnet, ist ein Sinnbild für die damalige Zeit. Es war eine Ergänzung zu den Prunkbauten, den Gemeindebauten und eine enorme Erleichterung für die Arbeiterinnen und Arbeiter, die teilweise unter bescheidenen hygienischen Bedingungen lebten.

Das Grätzl pilgert ins „Konge“

Archivaufnahme Menschen im Kongreßbad

Das Rote Wien brachte die Erfrischung zum Gemeindebau und die Menschen strömten in Massen in die Wiener Bäder. © Stadt Wien Bäder

Die Menschen der umliegenden Gemeindebauten hatten auf einmal die Chance, vor der Haustür Sonne, Luft und Wasser zu genießen. Da überrascht die jahrzehntelange Liebesgeschichte zwischen Mensch und Bad nicht. Alljährlich verzeichnet das Bad rund 300.000 Besucherinnen und Besucher und ist damit die Nummer zwei nach dem Gänsehäufel. Und noch heute rufen sich die Einwohnerinnen und Einwohner von Hernals und Ottakring zu: „Treff ma uns im ‚Konge‘?“

Gebaut wurde das heute 40.000 Quadratmeter große Bad vom Stadtbauamt. Und wie die meisten Bäder war es ein Hit. Der Zugang war streng reglementiert und allzu oft war der Andrang nicht zu bewältigen. Das ikonische Eingangsgebäude wurde vom Architekten Erich Franz Leischner geplant und ist heute noch originalgetreu erhalten. Das Bad steht unter Denkmalschutz. Die bekannte rot-weiße Holzfassade fand man damals nicht nur hier, sondern bei vielen Familien- und Freizeitangeboten des Roten Wien, etwa im Schweizergarten, im Herderpark oder auf dem Vogelweidplatz.

Konstruktivismus statt Monumentalbau

Menschen beim Baden im Kongreßbad

Geometrisch, puristisch und eine prägnante Farben- und Formensprache: Das Kongreßbad ist ein Werk des Konstruktivismus. © PID/Markus Wache

Der Schriftzug „Schwimm-, Sonnen- und Luftbad“ prangte damals und prangt noch heute in großen roten Lettern über dem Eingangsportal. Auf dem Gelände einer ehemaligen und aufgelassenen Sandgewinnungsstätte sowie Müll- und Schlackendeponie wollte man nicht nur ein Bad errichten, man wollte ein Kunstwerk erschaffen. Und das gelang. Das Kongreßbad ist in Sachen Stil einzigartig. „Das Bad wurde vom Architekten des Wiener Stadtbauamts, Erich Leischner, der mehr als 30 Jahre später auch noch das Laaerbergbad errichten sollte, im Stil des Wiener Konstruktivismus erbaut. Es unterscheidet sich jedoch durch die klar gestaltete, einfache Struktur markant von dem durch monumentale kubische Wirkung bestimmten Aussehen vieler zeitgleich errichteten Wiener Gemeindebauten“, sagt Martin Kotinsky von den Wiener Bädern. Schon das Hauptgebäude zeigt den konstruktivistischen Einfluss: Simple geografische Elemente geben den Ton an, man denkt an Rechtecke und Baukasten. Schnörkel sucht man hier vergeblich.

Die Kabinen, die sich links und rechts vom Hauptgebäude weg erstrecken, geben nicht nur ein Gefühl der Breite und der Fläche, sie erinnern auch ein wenig an ein Fort aus einem US-Western oder an die Wiener Schlossarchitektur, die hier keck nachgeahmt wird. Wie bei vielen Gemeindebauten ist auch hier der Detailreichtum einmalig. Da wären zum Beispiel die markanten Flaggen- und Beleuchtungselemente rund um das „Konge“, die an die niederländische Kunstbewegung De Stijl erinnern. Geometrisch abstrakt und doch puristisch. Das war im damaligen Wien durchaus hip. Der Bühnenbildner Friedrich Kiesler etwa war das einzige österreichische „De Stijl“-Mitglied, wie etwa in Hans Hovorkas Buch „Republik ‚Konge'“ nachzulesen ist.

Boden setzt dem Becken zu

Liegewiese im Kongressbad

Die rot-weiße Optik war in den 1920ern charakteristisch für Familienangebote. © PID/Markus Wache

Das „Konge“ hat seinen Look beibehalten. Ein paar Änderungen gab es aber doch. Der berüchtigte Zehn-Meter-Turm musste weichen, die Tennisplätze wurden zu Beachvolleyball-Courts und die Holzfassade wurde abgetragen und originalgetreu auf einem stabileren Gebäude nachkonstruiert. Auch das Becken wurde zwei Mal saniert. „Der Hang der zum Becken hin verläuft, übt gehörigen Druck aus und wir mussten es zwei Mal tauschen, da sich das Becken gesenkt hat und die Chemikalien nicht mehr ordentlich verteilt wurden. 2004 haben wir dann eine Überlaufrinne eingebaut, mit der wir das Becken wieder hochschrauben können, sollte es sich erneut senken.“

Alt und Neu

Blick aufs Buffet-Gebäude im Kongreßpark

Das Buffet hat sich in 90 Jahren kaum verändert. ©PID/Markus Wache

Im Innenraum dominiert sonst das saftige Grün der Wiesen. Hier trifft der Bezirk aufeinander. Manche der Gäste haben schon seit Jahrzehnten ein lieb gewonnenes Stammplatzerl. Familien und Kinder findet man eher im hinteren Bereich des „Konge“, wo es einen eigens für sie gestalteten Abschnitt gibt, der noch vor einigen Jahrzehnten ein separates Bad war.

Ein dominantes Element ist das Buffet, das in den Hang gebaut wurde und quasi über dem Becken thront. Auch das Restaurant ist originalgetreu und sieht, vor allem von unten betrachtet, aus wie ein Relikt der 1920er. Das Becken hingegen wurde ausgetauscht. Ursprünglich ein 100-Meter-Becken wurde daraus ein Sportbecken. Die moderne Wasserrutsche ist ein starker Kontrast zu dem authentischen Charme. Nur noch erahnen kann man die Radio-Koje. Hier fand dereinst ein Publikumstanz statt, bei dem es ziemlich heiß herging.

Mehr über die bewegte Geschichte des „Konge“: Das Kongreßbad ist  begehbarer Ort der Ausstellung „100 Jahre Rotes Wien“, die noch bis 19. Jänner 2020 im Wien Museum MUSA läuft. Dazu wurden vier Wechselumkleidekabinen mit historischen Fotos gestaltet.